PRAXIS
Vorträge
Die 2 Rhetorik-Märchen

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Bereichen Linguistik, Psychologie und Neurologie räumen auf mit weit verbreiteten, aber dennoch falschen Vor- und Fehlurteilen. Motto: Was lange währt, muss noch lange nicht richtig sein.

1. Beginnen wir mit der Standard-„Regel“ aus vielen Rhetorik, Kommunikations- und NLP-Kursen:
Bei einem gesprochenen Text werden nur 7 Prozent der Wirkung über den Inhalt kommuniziert. Der Rest der Wirkung geht angeblich auf Mimik, Gestik und Stimme. Dieses Märchen wird natürlich gern von Logopäden und Sprechtrainern verbreitet. Richtig ist: Die „Regel“ beruht auf einer Untersuchung von Mehrabian aus dem Jahr 1967, in welcher Ein-Wort-Sätze wie „Danke!“, „Schrecklich!“ oder „Wirklich?“ untersucht wurden. Alle anderen Komponenten der Kommunikation ließ man außer Acht: den Redner, die Situation und die Hörer. Mittlerweile ist mehrfach nachgewiesen worden, dass die 7-Prozent-Regel schlichtweg Unfug ist.

2. Kommen wir zum zweiten hartnäckigen Virus:
Mit Sprache können wir angeblich manipulieren und Hörer in die vom Sprecher gewünschte Richtung bewegen. Stichworte: „schwarze“, „magische“, „verbotene“ oder sogar „skrupellose“ oder „verbotene“ Rhetorik (Amazon ist eine unerschöpfliche Quelle). Überreden statt überzeugen soll allein mit Worten möglich sein. Wenn man nur die richtigen Tricks bzw. Winkelzüge kennt und diese auch anzuwenden weiß. Gegen diese weit verbreitete Vorstellung sprechen mindestens zwei Tatsachen:
  • Tatsache 1: Kommunikation ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig, die einander bedingen und aufeinander einwirken. Ein und derselbe Satz hat in verschiedenen Situationen verschiedene Bedeutungen. Ein Beispiel. „Bullen gehören auf die Weide.“ Biobauer zum Knecht im Stall, Autofahrer zum Polizisten auf dem Parkplatz, Greenpeace-Mitarbeiter zum industriell produzierenden Landwirt… Die Komplexität von Kommunikation widerspricht einfachen Manipulations-Schemata, weil letzten Endes der Hörer in einem ganz bestimmten Zusammenhang mit ganz speziellen Intentionen entscheidet, wie er die Äußerung verstehen will und auch versteht.
  • Tatsache 2: Manipulation wendet sich gegen den Willen, gegen die Überzeugung, gegen Glaubensgrundsätze und individuelle Wahrheiten anderer Menschen. Wenn Menschengruppen scheinbar manipuliert werden, dann handeln sie entweder parallel zu ihren Glaubensgrundsätzen und Intentionen, weil sie mit den dargestellten Inhalten übereinstimmen, oder widerwillig, weil äußere Machtfaktoren dies zum Beispiel als opportun erscheinen lassen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie sich die Inhalte der „Manipulation“ zu Eigen gemacht hätten. Schon gar nicht funktioniert dies in einer pluralistischen Gesellschaft und erst recht nicht mit Sprache allein.


Quelle
Selbstvermarktung freihändig
Schreiben fürs Reden – auch gegen den Strom
Jens Kegel
BusinessVillage
Göttingen, 2009
256 Seiten
ISBN-13: 9783938358832
http://www.businessvillage.de/eb-769.html


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