Dr. Hans-Joachim Wolfram ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut
für Psychologie der Universität Leipzig. Er leitete das von
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)geförderte Projekt
"Führungsverhalten im Kontext der Geschlechterbeziehungen". Die
Forscher wollten herausfinden, ob es Unterschiede im
Führungsverhalten von Frauen und Männern gibt, und befragten
142 Führungskräfte und 538 Mitarbeiter.
VOR (Praxishandbuch leiten - führen
- motivieren - Das Handbuch für den Vorgesetzten): Führen
Männer anders als Frauen?Nach unserer Untersuchung lassen sich keinerlei Unterschiede zwischen
weiblichen und männlichen Führungskräften
identifizieren. Dies bedeutet, dass weibliche und männliche
Führungskräfte sich weder in ihrem Führungsverhalten
noch in ihrem Führungserfolg voneinander unterscheiden. Für
uns ist dies ein sehr interessantes Ergebnis. Studien aus den USA
kommen nämlich zu dem Ergebnis, dass weibliche
Führungskräfte eher demokratisch und partizipativ
führen, männliche Führungskräfte hingegen eher
autokratisch und direktiv.
VOR: Wie lässt sich gute Führung überhaupt messen?
Um Führungserfolg zu messen, sollten sowohl die Zielerreichung der
Arbeitsgruppe als auch die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen
berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist es sinnvoll, sowohl
Führungskräfte als auch deren MitarbeiterInnen zu den
gleichen Kriterien zu befragen. Unsere eigene Forschung zeigt, dass die
Übereinstimmung dieser Selbst- und Fremdurteile eher gering ist.
Darüber hinaus konnten wir belegen, dass für Führende
die Zielerreichung wichtig ist, für geführte Personen
hingegen ihr eigenes Befinden.
VOR: Werden Führungsqualitäten von Männern und Frauen nur unterschiedlich wahrgenommen?Ja, weibliche und männliche Führungskräfte werden von
Ihren MitarbeiterInnen unterschiedlich wahrgenommen bzw. bewertet.
Beispielsweise wird weiblichen Führungskräften von ihren
MitarbeiterInnen noch immer weniger Wertschätzung ihrer
beruflichen Fähigkeiten entgegengebracht als ihren männlichen
Kollegen. Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn die MitarbeiterInnen
traditionelle Einstellungen zur Rollenverteilung zwischen Frauen und
Männern vertreten, wenn unter den Geführten Männer in
der Überzahl sind und wenn die weiblichen Führungskräfte
ihre MitarbeiterInnen nicht in Entscheidungsprozesse einbeziehen.
Darüber hinaus profitieren männliche Führungskräfte
von einem "Männer-Bonus": Wenn männliche
Führungskräfte respektvoll mit ihren MitarbeiterInnen
kommunizieren, geht dies mit verringerter Gereiztheit der
MitarbeiterInnen einher. Wenn weibliche Führungskräfte das
Gleiche tun, hat dies keinen Einfluss. Vermutlich wird bei
männlichen Führungskräften honoriert, was bei weiblichen
Führungskräften als selbstverständlich vorausgesetzt
wird.
VOR: Warum werden Frauen als Chefs schlechter bewertet?Führungspositionen werden noch immer überwiegend von
Männern eingenommen. Dies führt dazu, dass Frauen allein
aufgrund ihres Geschlechts isoliert werden.
Da Männer nicht selten verantwortlich für
Personalentscheidungen sind, kann dies den beruflichen Aufstieg von
Frauen erschweren. Und schließlich besteht für weibliche
Führungskräfte ein Rollenkonflikt: Weibliche
Führungskräfte sollen typisch männliches Verhalten
zeigen, weil sie Führungskräfte sind, aber auch typisch
weibliches, weil sie Frauen sind.
VOR: Unter den internationalen
Top-Managerinnen findet sich keine deutsche Frau. Herrscht in
Deutschland ein ungünstiges Klima für Frauen in
Führungspositionen?"Ohne Breitensport kein Spitzensport" - während in den USA 46 %
der Führungspositionen von Frauen eingenommen werden, beträgt
der Anteil in der Bundesrepublik Deutschland lediglich 28 %. Auch im
europäischen Vergleich schneidet Deutschland schlechter ab als
andere nord- und südeuropäischen Länder. Ein Grund: In
der Bundesrepublik sind traditionelle Einstellungen zur
Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern besonders stark
verbreitet. Es ist aus der psychologischen Forschung jedoch bekannt,
dass Vorurteile äußerst hartnäckig sind, sie zu
reduzieren daher schwer.
Erfolgversprechender scheint es, Frauen zu unterstützen, sie vor
Akzeptanzproblemen am Arbeitsplatz zu warnen, so dass sie ihre
beruflichen Kompetenzen nicht in Frage stellen.
Und schließlich wäre es sinnvoll, aufzuklären: Wenn
sich herumspricht, dass sich weibliche und männliche
Führungskräfte nicht in ihrem Führungserfolg
unterscheiden, könnte dies den beruflichen Aufstieg von Frauen
durchaus erleichtern.
Kontakt:
Dr. Hans-Joachim Wolfram,
Universität Leipzig, Institut für Psychologie II, Arbeits- und Organisationspsychologie
Seeburgstraße 14-20
04103 Leipzig
E-Mail: hjwolf@uni-leipzig.de
Quelle
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