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PHOTONICS INTERVIEW
Akad. Oberrat Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa
Ressourcen- und Energieeffizienz mit Generativen Fertigungsverfahren

kelbassaneuDer Lehrstuhls für Lasertechnik LLT der RWTH Aachen University und das Fraunhofer ILT haben die Generative Fertigung in den vergangenen 20 Jahren von einer Nischenanwendung im Bereich Rapid Prototyping zu einer Technologie entwickelt, die die industrielle Produktion in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen wird. Akad. Oberrat Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa ist stellv. Lehrstuhlinhaber am LLT der RWTH Aachen und Abteilungsleiter am Fraunhofer ILT.

1. Sie haben im März mit einem Team vom Fraunhofer ILT die Aviation Week Innovation Challenge 2012 gewonnen. Für welche Leistung gab es die Auszeichnung?
Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: Zunächst einmal haben wir eine von 11 Kategorien, die Kategorie „Power & Propulsion“ gewonnen.

Die Auszeichnung ist für unsere Verfahrensentwicklung zur generativen Fertigung sog. BLISKs – Blade Integrated DiSKs, also Kompressorlaufräder mit integrierter Beschaufelung – verliehen worden. Diese hochwertigen, integralen Bauteile werden in modernen Strahltriebwerken von Verkehrsflugzeugen eingesetzt und bis dato durch z.B. 5-Achs-Fräsen oder lineares Reibschweißen hergestellt. Sowohl beim 5-Achs-Fräsen als auch beim Reibschweißen der (zuvor gefrästen) Einzelschaufeln auf die Scheibe werden sehr hohe Materialverluste bis zu z.B. 80 % sowie lange Fertigungszeiten größer z.B. 100 Stunden reiner Fräszeit beim 5-Achs-Fräsen in Kauf genommen. Es wird subtraktiv, d.h. durch Materialabtrag, gefertigt.

Durch die Generativen Verfahren – in diesem spezifischen Fall das Laserstrahl-Auftragschweißen – wird das Bauteil durch Materialauftrag der einzelnen Schaufeln auf der Scheibe gefertigt. Im Vergleich zum klassischen 5-Achs-Fräsen werden auf diese Weise ca. 60 % an Materialersparnis sowie ca. 30 % Ersparnis in der gesamten Fertigungszeit erzielt. Die Fertigung wird effizienter und schneller.
 
2. Wie funktioniert grundsätzlich das generative Fertigungsverfahren? Was sind die wesentlichen Vorteile?
Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: Die zwei unter dem Oberbegriff Generative Fertigungsverfahren zusammen gefassten Laser basierten Verfahren sind zum einen das o.g. einstufige Laserstrahl-Auftragschweißen, engl. Laser Material Deposition LMD, und zum anderen das zweistufige, Pulverbett basierte Selective Laser Melting SLM. Beiden Verfahren ist gemein, dass ein oder mehrere pulverförmige Zusatzwerkstoff(e) unter Einsatz einer Wärmequelle – in diesem Fall der Laserstrahlung – in einem Schmelzbad umgeschmolzen wird/ werden. Somit entstehen aufgetragene Spuren mit schmelzmetallurgischem Verbund, durch neben einander aufgetragene Spuren ganze Schichten und durch über einander aufgetragene Schichten ganze Bauteile. Die Unterscheidung zwischen ein- und zweistufig gibt lediglich Auskunft darüber, wann der pulverförmige Zusatzwerkstoff dem Prozess zugeführt wird: Beim einstufigen LMD wird dieser direkt in das Schmelzbad eingeführt während beim SLM dieser als Pulverschicht vor dem Umschmelzen (Schritt 2) deponiert wird.

Ein wesentlicher Vorteil der Generativen Verfahren ist bspw., dass ein Bauteil oder auch ein Produkt nahezu rein funktionsoptimiert ausgelegt, konzipiert und konstruiert werden kann, ohne auf fertigungsspezifische, geometrische Restriktionen zu achten. So konnten in der Vergangenheit optimale Bauteile zumeist nicht gefertigt werden, da diese nicht fräsbar, nicht schmiedbar, nicht gießbar, nicht schweißbar o.ä. waren. Diese geometrischen Restriktionen entfallen durch den schichtweisen Aufbau des Produktes bei den Generativen Verfahren: Was denkbar ist, ist auch fertigbar oder „ausdruckbar“. Daher stammt auch der englische Begriff „3D-Printing“ für diese Verfahren. Ein weiterer wesentlicher Vorteil ist die Verarbeitbarkeit serienrelevanter – zumeist metallischer – Werkstoffe. Aus dem früheren Rapid Prototyping auf Polymerbasis ist mittlerweile ein Rapid Manufacturing Verfahren auf Polymer-, Metall- und Keramikbasis geworden.
 
3. Welche Lasertypen werden dafür eingesetzt?
Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: Eingesetzt werden i.d.R. Strahlquellen, welche eine faserkoppelbare Laserstrahlung mit einer Wellenlänge von ca. 1 µm emittieren, d.h. Festkörper-, Dioden-, Faser- sowie Scheibenlaser. Bzgl. LMD kann auch Laserstrahlung der Wellenlänge von ca. 10 µm (CO2-Laserstrahlung) eingesetzt werden.
 
4. In welchen Bereichen bietet sich dieses Fertigungsverfahren noch an? Wo wird es konkret schon eingesetzt?
Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: Zur Instandsetzung und –haltung wird LMD bereits seit ca. 12 Jahren erfolgreich in der Luftfahrt, im Automobilbau sowie dem Werkzeug- und Formenbau eingesetzt. Die Weiterentwicklung des LMD von einem Reparaturverfahren hin zu einem Generativen Fertigungsverfahren ist zunächst auf den Turbomaschinenmarkt (Energieerzeugung sowie Luft- und Raumfahrt) beschränkt, in dem vorwiegend kosten- und zeitintensiv zu fertigende Produkte hergestellt werden. Absehbar ist jedoch schon jetzt, dass LMD auch zur Generativen Fertigung im Automobilbau und dem Werkzeug- und Formenbau eingesetzt werden wird.

Die erste Serienanwendung des SLM zur Generativen Fertigung ist seit dem Jahr 2002 die patientenspezifische Herstellung von Dentalimplantaten, Brücken und Kronen. Erste einzelne – bis dato nicht Serien – Anwendungen sind bereits in der weiteren Medizintechnik, im Automobilbau, dem Werkzeug- und Formenbau sowie der Luft- und Raumfahrt umgesetzt worden. Generell ist die Generative Fertigung für Märkte und Anwendungsfelder interessant, in denen hochwertige Produkte zeitkritisch hergestellt werden müssen, welche nach Möglichkeit funktionsoptimiert ausgelegt werden können und in denen zukünftig individualisierte Serienprodukte gefordert werden.
 
5. Kann generative Fertigung auch in automatisierte Prozessketten integriert werden?
Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: Ja. Dies war und ist insbesondere Gegenstand des gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT verfolgten Fraunhofer-InnovationsClusters „TurPro – Integrative Produktionstechnik für energieeffiziente Turbomaschinen“. Im Rahmen dieses Vorhabens ist auch die Generative BLISK-Fertigung entwickelt worden. Da die Generative Fertigung innerhalb der gesamten Fertigungskette ausschließlich den Prozessschritt 5-Achs-Fräsen ersetzt, jedoch alle vor- und nachgeschalteten Prozessschritte nahezu unverändert verbleiben, ist gerade die Einbindung des neuen Prozessschrittes in die bereits bestehende und etablierte CAx-Umgebung zwingend erforderlich. Dies ist gelungen.
 
6. Wird die generative Fertigung langfristig konventionelle Werkzeugmaschine arbeitslos machen?

Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: In Nischenbereichen ja, in weiten Teilen der Märkte nein.

Die Bereiche, in denen z.B. die Generativen Fertigungsverfahren eine konventionelle Werkzeugmaschine obsolet werden lassen könnte, sind zumeist Bereiche der Produktherstellung, in denen das Produkt von der Oberflächenbeschaffenheit und –qualität nicht mehr endbearbeitet werden muss. Ein Beispiel hierfür wäre eine keramisch verblendete Zahnkrone, bei der z.B. die Rauheit nach SLM bereits tolerabel ist, da diese im darauf folgenden Prozessschritt keramisch verblendet wird. In den Märkten, in denen Produkt abhängig entweder die geometrischen oder/ und metallurgischen Spezifikationen oder/ und die Oberflächenbeschaffenheit durch die Generative Fertigung allein noch nicht gewährleistet werden können, ist eine Endbearbeitung in Form einer mechanischen Endbearbeitung evtl. inkl. einer Wärmebehandlung obligatorisch. Near-Net-Shape bedeutet in diesem Zusammenhang zumeist ein mit entsprechendem Aufmaß generativ gefertigtes Bauteil, welches dann in einem letzten Prozessschritt endbearbeitet werden muss.
 
7. Was sind die neuesten Trends und Möglichkeiten generativer Fertigungsverfahren?
Dr.-Ing. Ingomar Kelbassa: Die Generativen Fertigungsverfahren haben sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Den auch als Additive Manufacturing oder 3D-Printing bekannten Verfahren wird von Experten prognostiziert, dass sie die industrielle Produktion revolutionieren können. Die Möglichkeit zur Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen und Wertschöpfungsketten sowie die (beinahe) stückzahlunabhängigen Fertigungskosten dieser Fertigungsverfahren scheinen ein großes Potential zu beinhalten. Stichworte in diesem Zusammenhang sind Mass Customization, Open-Innovation oder Co-Creation, bei denen der Endkunde sein gewünschtes Produkt weitestgehend selbst gestalten kann.
 
Viele Unternehmen prüfen derzeit den Einsatz von Generativen Fertigungsverfahren in der Serienproduktion. Neben der Realisierung von funktional optimierten Strukturbausteilen, versprechen sich diese Unternehmen vor allem eine deutlich Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz während des gesamten Lebenszyklus eines Produktes.

Mehr Informationen
http://www.ilt.fraunhofer.de
http://www.lia.org/news/2011/12/19/lam-2012-21st-century-strides 

Interviewer
Hermann Straubinger
Dipl. Ing. Nachrichtentechnik
hs@comeeco.de



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