Berührend
und beeindruckend, offen und nüchtern - so schätzen
Politiker, Diplomaten und
Experten Obamas Antrittsrede ein. Ohne Zweifel: Obama ist ein
rhetorischer
Glücksfall. Wo immer er auch spricht: Die Menschen hängen an
seinen Lippen. Der Redenschreiber von Obama schreibt Sätze, die
Millionen Menschen Gänsehaut machen. Allerdings nur, wenn sein
Chef sie
ausspricht. Dieselben Worte aus dem Mund von, sagen wir, Kurt Beck,
würden
schlicht und blass wirken. Das macht
einen guten Redenschreiber aus: Der Einklang mit dem Redner. Er muss
dessen
Gedanken lesen können, darf ihm keine fremden Worte in den Mund
legen. Wenn Sie
Ihren Redetext selbst schreiben, sollten Sie folgende Regeln beachten:
- Haben
Sie sich auf das Thema konzentriert und nicht zuviel in die Rede gepackt? Gut! Eine Rede ist kein Bauchladen! Beschränken Sie sich auf ein einziges Thema und
gliedern Sie dieses in maximal fünf logische Punkte, sonst verwirren Sie Ihre
Zuhörer. Die größte Kunst eines Redners ist das Weglassen.
- Zeichnet
sich Ihr Redetext durch "story telling - quality" aus? Gut! Kleiden Sie Ihre Botschaften in
kleine Geschichten. Nichts hält Ihr
Publikum besser wach! Nichts macht den Vortrag unterhaltsamer!
- Wollen
Sie Ihr Publikum zum Lachen oder Schmunzeln bringen? Gut! Doch Vorsicht: Nichts ist peinlicher als ein Redner, der als
einziger über seinen Witz lacht. Beschränken Sie sich auf Witze oder Anekdoten,
die wirklich geistreich sind!
- Haben
Sie Zitate eingebaut? Gut! Aber
wählen Sie sorgfältig aus. Zitate mit
Witz und Pfiff, kurz, von klugen Leuten mit Autorität, nicht zu viele und vermeiden Sie das Zitieren langer Passagen.
Nehmen Sie immer Filetstücke, nie die ganze Kuh!
- Argumentieren
Sie mit Zahlen? Gut! Nichts
überzeugt mehr, als handfeste, konkrete, überprüfbare Zahlen. Es ist besser zu
sagen "83%" als "die meisten" oder "die
Mehrzahl".
- Lockern
Sie Ihren Text mit rhetorischen Fragen auf? Sehr gut! Sie machen neugierig und zwingen zum Mitdenken. Sie können
ganze Passagen Ihrer Rede mit lauter klug gestellten rhetorischen Fragen
bestreiten. Grundsätzlich gilt: Ein Vortrag ohne Fragen gleicht einem schlecht
durchlüfteten Zimmer.
- Sind
Ihre Sätze unterschiedlich lang? Prima!
Gleichmäßig lange Sätze wirken monoton und machen müde. Oder sie wecken
Aggressionen, wie ein tropfender Wasserhahn bei Nacht.
AutorGerhard Reichel,
Institut für Rhetorik,
Goethestraße 1,
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