Viele Verkäufer haben inzwischen gelernt, auf die Bedürfnisse
des Kunden einzugehen. Man schwingt sich aufeinander ein, die
Gespräche verlaufen harmonisch, Nutzen wird geboten, Fragen
gestellt und Wünsche herausgefiltert. Doch vom Kuschler zum
Verkäufer fehlt oft der entscheidende Schritt: Signale des
Kunden werden nicht erkannt, Abschlüsse zerredet und am Ende geht
man mit einem „Wir hören uns wieder“ ohne Ergebnis
auseinander. Warum das so ist, hat eine Geschichte: Sie beginnt mit dem
mangelnden Selbstbewusstsein des Verkäufers, bedingt durch
das schlechte Image des Berufsbildes. Sie geht über die mangelnde
Fähigkeit, Begeisterung zu vermitteln und fehlende Techniken
in der gezielten Gesprächsführung. Und Sie endet
darin, dass Verkäufer nicht gelernt haben, den nötigen Biss,
also eine Mischung aus Fleiß und Ausdauer zu entwickeln, um den
Kunden nicht mehr loszulassen.
Wie bekannt kommt Ihnen das vor? Sie betreten die Fachabteilung
eines Kaufhauses, da Sie sich für ein bestimmtes Produkt
interessieren. Sie benötigen nähere Informationen, um
Ihre Kaufentscheidung zu treffen. Also machen Sie sich auf die
Suche nach einer kompetenten Verkaufskraft. Die erste Person, die
Sie ansprechen, ist "nicht zuständig". Eine weitere
Verkäuferin und ihr Kollege drehen Ihnen schnell den
Rücken zu, als Sie sich nähern - sie sind in ein intensives
Gespräch vertieft. An der Kasse erfahren Sie dann auf Nachfrage,
dass eben jene Dame und jener Herr die Fachabteilung betreuen,
doch mittlerweile sind sie wie vom Erdboden verschwunden. Frustriert
und entnervt verlassen Sie das Kaufhaus, ohne dort etwas gekauft
zu haben. Das Beispiel ist nur eines von vielen: Ganz gleich, ob Sie
bei einer Bestell-Hotline anrufen, einen kompetenten
Handwerksbetrieb suchen oder nur eine Frage zu einem Produkt oder
einer Leistung haben - man will Ihnen offenbar nichts verkaufen!
Dabei wäre genau dies heute einfacher denn je. Neue Medien,
Netzwerke und gezielte Marktforschungen haben das
Kundenverhalten und seine Bedürfnisse mittlerweile
umfassend durchleuchtet, Tendenz steigend. Der Kunde wird
immer transparenter, der Verkäufer informierter und besser -
zumindest theoretisch. In der Verkaufspraxis hingegen ist davon
bislang wenig zu spüren. Offenbar ist der Leidensdruck noch
nicht groß genug. Irgendwie schlägt man sich durch - noch
macht der Kunde ja mit. Fragt sich nur, wie lange noch...
Genau darin besteht die Chance für Verkäufer, für gute
Verkäufer. Um erfolgreich zu verkaufen, sollten Sie in
Zukunft nicht nur schneller sein, mehr über den Kunden wissen und
dieses Wissen gezielt einsetzen, sondern vor allem einfach besser sein,
als die Mitbewerber! Was Sie dazu brauchen, ist Kondition,
Engagement, psychische Fitness und Biss - und das ist allein eine
Frage des Trainings und der Einstellung.
1. Verkaufen - vom Einzelkämpfer zum Massengeschäft?
Eigentlich fing alles ganz einfach an: Unsere Vorfahren tauschten
die Waren, die sie entbehren konnten, mit anderen Menschen aus und
erhielten dafür, was ihnen fehlte. Ein faires und einfaches
Geschäft, das jedoch schon bald aus dieser einfachen C2C
(Customer to Customer)-Konstellation ausbrach. Denn
spätestens seit der Einführung von Zahlungsmitteln, wie den
ersten Münzen, tat sich plötzlich ein immenser Markt auf, der
weit mehr zu bieten hatte, als die eigenen Bedürfnisse zu decken.
Oberwasser hatten plötzlich diejenigen, die einen Überblick
über Produktzyklen, potenzielle Abnehmer, den Warenverkehr
und die jeweils erforderlichen Zahlungsmittel
und -konditionen hatten. Und das waren
anfangs nicht viele, sondern nur jene Personen, die rechtzeitig
den Wert des Verkaufsgeschäftes erkannt hatten und
daraus ihre Konsequenzen zogen. Berühmte Beispiele aus der
Geschichte illustrieren auch heute noch eindrucksvoll, wie Verkaufen
tatsächlich funktioniert - wenn auch unter anderen Vorzeichen. So
verbindet man mit der Bezeichnung "Kaufmann" automatisch die Namen
Medici und Fugger - stellvertretend für
überdurchschnittlichen Erfolg im Umgang mit Märkten,
Abnehmern und Produkten.
Die Jahrhunderte nach der Renaissance brachten immer wieder
Kaufmanns- oder Verkäuferpersönlichkeiten hervor, die den
Markt beherrschten. Die Konkurrenz war ohne Medien und schnelle
Verkehrsmittel deutlich geringer und ließ für den
Einzelnen mehr Spielraum. Erst in der Neuzeit änderte
sich dieses System; im 20. Jahrhundert mit immer schnellerem
Wandel.
2. Wenn der Kunde König ist, wo steht der Verkäufer?
Das Überangebot an Waren und Dienstleistungen hat in den letzen
Jahrzehnten zum Schlagwort "Der Kunde ist König" geführt
- mit teilweise absurden Auswüchsen: Denn nicht jeder
Schmerzpatient ist begeistert, wenn ihm der Zahnarzt während der
Wurzelbehandlung als besonderen Service Theaterkarten anbietet,
und auch die junge Mutter möchte ihre Einkäufe schnell und
unkompliziert genießen, ohne ständig etwas "gratis" und mit
vielen Worten angeboten zu bekommen.
Der Kunde als König - ein Pflegefall? Wohl kaum. Doch die
Ausgangsbasis ist falsch. Denn das Verhältnis zwischen
Käufer und Verkäufer ist ausgewogen, eine faire Angelegenheit
also, die eigentlich keine künstlichen Hierarchien
benötigt. Zwar ist das Dilemma offensichtlich, dass sich die
meisten Käufer grundsätzlich vom Verkäufer un- oder
missverstanden fühlen - aber muss man den Käufer deshalb
gleich zum König krönen? Wurde nicht aus gutem Grund die
Monarchie als Regierungsform vor langem abgeschafft? Die
Abwertung des Verkäufers folgt so nämlich stehenden
Fußes und verschlechtert seine Stellung im Geschäft
ganz erheblich. Dabei ist der Kunde im Prinzip immer noch der gleiche,
der früher einmal das Tauschgeschäft wollte. Er ist lediglich
informierter und hat in der Regel eine breitere Marktkenntnis.
Was dies für den erfolgreichen Verkäufer bedeutet, liegt auf
der Hand: Sachargumente und Fachwissen sind nur noch
eingeschränkt verkaufsentscheidend, gefragt sind andere
Parameter. Auch der Preis spielt nur noch eine untergeordnete
Rolle, da sich heute nicht weniger Geld im Markt befindet, als vor zehn
oder zwanzig Jahren. Verändert hat sich lediglich der
Verteilfaktor, sonst nichts.
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