Wie groß oder wie schwer darf ein Gegenstand sein, bevor er seine
Quan-teneigenschaften verliert und sich gemäß den Gesetzen
der klassischen Physik verhält? Mit dieser Frage beschäftigen
sich viele Forschungsgruppen weltweit. Ihre Beantwortung scheitert
derzeit an dem Mangel an Instrumenten, die in der Lage wären, die
bei größeren Objekten erwartungsgemäß extrem
kleinen Quanteneffekte nachzuweisen.
Ein nun von der MPG-Nachwuchsgruppe "Laboratory of Photonics" (Leiter:
Dr. Tobias Kippenberg) entwickeltes System könnte hier Abhilfe
schaffen (Nature Photonics, DOI 10.1038/nphoton.2008.199, Advance
online publication, 28. Sep-tember 2008). Den Wissenschaftlern gelang
es, bei einem wenige Mikrometer großen Chip-Resonator optische
und mechanische Güte, die gewöhnlich gegenläufig sind,
unabhängig voneinander zu optimieren. Die mit der Kombination der
weltweit besten optischen und mechanischen Kohärenz-eigenschaften
erreichte Empfindlichkeit des Mikrosystems ließe sich sowohl
für die Grundlagenforschung nutzen, um z.B. Quantenverhalten an
"greifbaren" mikrometergroßen Objekten zu beobachten. Sie
könnte aber auch einer weiteren Verbesserung der Frequenz- und
Zeitstandards dienen.
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts formulierte der Physiker Werner
Heisenberg die Grundzüge der Quantenmechanik. Danach sind
mechanische Bewegungen prinzipiell quantisiert - angefangen bei der
mikroskopischen Bewegung der Elektronen um den Atomkern bis hin zu dem
makroskopischen Verhalten von Objekten aus unserem Alltag. Erst 1986 -
mehr als 60 Jahre später - gelang es, die Quantensprünge
einzelner Elektronen, die zu den charakteristischen Spektrallinien
führen, direkt zu beobachten. Wiederum zehn Jahre später
erlaubten es die Fortschritte in der Lasertechnik und Quantenoptik,
nicht-klassische Bewegungszustände auch an einzelnen, isolierten
Ionen zu beobachten, die 100000 Mal schwerer sind als Elektronen. Eine
fundamentale Frage blieb jedoch bislang offen: Warum gehorchen nicht
noch größere Objekte, wie sie uns im Alltag begegnen, den
Gesetzen der Quantenmechanik, sondern verhalten sich stattdessen
klassisch?
Nach gängigen Vorstellungen verhindert die sogenannte
"Dekohärenz" die Beobach-tung von Quanteneffekten an
makroskopischen Objekten. Sie beinhaltet die Tatsache, dass das
"thermische Bad", d.h. die Wechselwirkung mit der Umgebung, das
Quantenverhalten individueller Systeme, die sich - isoliert betrachtet
- gemäß den Gesetzen der Quantenmechanik verhalten sollten,
stört und schließlich zerstört. Bis heute sind
Quanteneffekte an Oszillatoren, die mesoskopische (greifbare)
Ausmaße haben, also Billionen von Atomen enthalten, nicht
beobachtet worden. Dazu bedürfte es nämlich der Kombination
gut isolierter mechanischer Systeme und einem kohärenten
Auslese-System, dessen Empfindlichkeit in der Lage ist, Quanteneffekte
zu beobachten.
Schwingkristalle aus Quarz, wie sie z.B. in Armbanduhren verwendet
werden, bieten hohe mechanische Kohärenz und erfüllen damit
das erste Kriterium. Die elektrischen Schwingkreise, die für das
Auslesen der mechanischen Schwingungen nötig sind, besitzen
allerdings eine unzulängliche Empfindlichkeit, weshalb der
Nachweis eventuell auftretender Quanteneffekte auf diesem Wege
praktisch nicht möglich ist. Verschiedene Forschergruppen
verfolgen deshalb das Ziel, hochkohärente mechanische Systeme mit
quantenoptischen Methoden zu kombinieren, die eine un-vergleichlich
höhere Empfindlichkeit besitzen. Hierbei ist aber das Problem zu
lösen, dass die Anforderungen für mechanische und optische
Kohärenz oft gegenläufig sind.
Die Gruppe von Dr. Tobias Kippenberg am MPQ war nun erstmals in der
Lage, die weltbesten optischen und mechanischen
Kohärenzeigenschaften auf einem einzelnen Chip-Resonator zu
vereinen. Die Wissenschaftler verwenden in ihrem Experiment auf
Silizium-Chips gefertigte torusförmige Glas-Resonatoren mit einem
Durchmesser von etwa 75 Mikrometern, die in den Reinräumen der
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), an den
Lehrstühlen von Prof. Jörg Kotthaus und Prof. Jochen
Feld-mann hergestellt werden. Über eine Nano-Glasfaser wird dann
Licht in den Toroid gekoppelt.
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Der Mikroresonator aus Glas (blau) kombiniert die besten
Eigenschaften aus der Welt der Optik und der Mechanik. Einerseits
speichert er Photonen, die im äußeren Ring mehrere
hunderttausend Mal umlaufen können bevor sie ihn wieder verlassen.
Die schließlich aus-tretenden Photonen erlauben es, die
mechanischen Schwingungen im Resonator extrem genau zu vermessen.
Augrund der optimierten Verbindung der Glasstruktur zum Silizium-Chip
(schwarz/rot) über vier Nano-Speichen gelingt es, ihre
mechanischen Schwingungen sehr stark von der Umgebung zu entkoppeln.
Angeregte Schwingungen können dadurch bis zu 80 000 Mal
oszillieren, bevor sie zerfallen.Quelle: Max-Planck-Institut für QuantenoptikDas Besondere an diesem Resonatorsystem ist die enge Kopplung von
optischen und mechanischen Schwingungen. Das System kann Licht, d.h.
Photonen, speichern, wenn dessen Wellenlänge "hineinpasst", d.h.
in einem ganzzahligen Verhältnis zum Umfang des Resonators steht.
Die mechanischen Schwingungen modulieren den Um-fang und spiegeln sich
daher in der optischen Resonanzfrequenz wieder. Andererseits üben
die umlaufenden Photonen eine Kraft in radialer Richtung auf den
Resonator aus.
Aufgrund verschiedener Faktoren unterliegen die mechanischen Eigenmoden
des Re-sonators Reibungsverlusten, die die Kopplung an die Umgebung und
damit die Deko-härenz entscheidend beeinflussen. Eine wichtige
Rolle dabei spielt die mechanische Aufhängung des Systems. Hier
zeigten die Experimente, dass die verschiedenen Schwingungsmoden der
Toroide auf komplizierte Art und Weise aneinander und an die Umgebung
koppeln können. Das Verständnis dieser Kopplung war der
Schlüssel, die Reibungsverluste zu verstehen. Diese ließen
sich schließlich erheblich verringern, indem der Toroid über
"Nano-Speichen" aus Glas auf dem Chip befestigt wurde (siehe Abb.).
Durch Optimierung der Geometrie, d.h. der Änderung von Länge
und Dicke der Speichen konnten Georg Anetsberger und Rémi
Rivière, Doktoranden am Experiment, die Eigenmoden des
Resonators so "maßschneidern", dass die Dämpfung um den
Faktor 1000 reduziert wurde.
Die so optimierten Mikrotoroide können Photonen über mehrere
100 000 Umläufe speichern. Gleichzeitig führen sie bis zu 80
000 mechanische Schwingungen aus, be-vor diese durch den Einfluss der
Umgebung zerfallen. In diesem Sinn kann man das System mit einem
Quarzoszillator vergleichen, der statt mit elektrischem Strom mit Licht
getrieben werden kann und mit einem optisch resonanten Schwingkreis
ausgele-sen wird.
"Dies ist das erste Beispiel, in dem optische und mechanische
Freiheitsgrade in einem System von der Größe eines
Mikrochips gesteuert werden können. Erstmals haben wir mechanische
Gütefaktoren, die denen der Nano-und Mikroelektronik gleichkommen,
mit höchsten Werten für optische Güte kombiniert", meint
Georg Anetsberger. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum
Fernziel, Quanteneffekte an makroskopischen Schwingungssystemen zu
beobachten. Aber die Erkenntnisse ließen sich auch prak-tisch
nutzen. Mechanische Quarz-Schwingkristalle finden überall in der
Wissenschaft und Technik Anwendung. Deren Verlustmechanismen genau zu
verstehen ist der Schlüssel zu weiteren Verbesserungen von
Oszillatoren für die Zeitmessung - sei es in Armbanduhren oder als
Schwungrad in Atomuhren. [G.A./O.M.]
Originalveröffentlichung:
Ultralow-dissipation optomechanical resonators on a chip
G. Anetsberger, R. Rivière, A. Schliesser, O. Arcizet und T. J. Kippenberg
Nature Photonics, DOI 10.1038/nphoton.2008.199 (2008).Kontakt:
Dr. Tobias Kippenberg
Laboratory of Photonics
Max-Planck-Institut für Quantenoptik,
Hans-Kopfermann-Straße 1
85748 Garching
Telefon: +49 - 89 / 32905 727
Fax: +49 - 89 / 32905 200
E-Mail: tobias.kippenberg@mpq.mpg.de
http://www.mpq.mpg.de/k-lab/
Georg Anetsberger
Laboratory of Photonics
Telefon: +49 - 89 / 32905 334
Fax: +49 - 89 / 32905 312
E-Mail: georg.anetsberger@mpq.mpg.de
http://www.mpq.mpg.de/k-lab/