Am 1. Juni 2008 wurde Prof. Theodor W. Hänsch,
Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des
Max-Planck-Instituts für Quantenoptik als neues Mitglied im "Orden
Pour le mérite für Wissenschaften und Künste"
aufgenommen. Dieser Orden gilt in Deutschland als eine der
höchsten Ehrungen für Wissenschaftler und Künstler. Das
neue Zeitmaß hat weitreichende Auswirkungen – es stellt
sich die Frage der Neudefinition des Kilogramms. Prof. Theodor Hänsch hat sich weltweit einen ausgezeichneten Namen
erworben. Er hat einen neuen Weg zur Entwicklung einer Technik zu einer
äußerst präzisen optischen Zeitmessung gezeigt, die zur
Schaffung eines neuen Standards für die Zeiteinheit und eine
global vereinheitlichte Zeitmessung führen wird: die
„Optische Uhr“.
Optische Uhren können die Uhren der Zukunft werden. Ob Sonnenuhr,
Sanduhr, Pendeluhr, Quarzuhr oder Cäsium-Atomuhr: Eine Uhr besteht
immer aus zwei Komponenten, dem schwingenden „Pendel“ und
einem Zähler, der dessen Schwingungen mitzählt.
Gegenwärtig ist die 9 192 631 779. Schwingung der Cäsiumatome
der Atomuhr die offizielle Definition der Länge einer Sekunde. Je
schneller das Pendel schwingt, desto genauer geht die jeweilige Uhr.
Ein Atom, das Licht einer bestimmten Frequenz aussendet, ist ein viel
präziseres "optisches" Pendel.
Jedoch Licht schwingt so schnell, dass die Schwingungen mit
herkömmlichen Methoden nicht gezählt werden können.
Grünes Licht hat beispielsweise rund 600 Billionen Schwingungen
pro Sekunde. Computer und Atomuhren, die zur Zählung genutzt
werden müssten, arbeiten aber nur mit rund 0,01 Billionen
Schwingungen pro Sekunde. Prof. Theodor Hänsch entwickelte eine
Messmethode, mit der derart schnelle Schwingungen gemessen werden
können: den Frequenzkamm. Hänsch erhielt dafür im Jahr
2005 zusammen mit John L. Hall von der University of Colorado und Roy
Glauber, Harvard University den Nobelpreis für Physik.
Im Labor von Hänsch im Max-Planck-Institut für Quantenoptik
in Garching wird zur Erzeugung des optischen Frequenzkamms ein
Titan:Saphir-Pulslaser mit konstanter Frequenz verwendet, dessen kurze
Lichtpulse zwischen Umlenkspiegeln zirkulieren. Durch Überlagerung
der Schwingungen lässt sich die Frequenz des Lichts mit einer
bisher nicht gekannten Genauigkeit von 15 Stellen hinter dem Komma
messen und bildet die Basis für die Optische Uhr. Der Frequenzkamm
dient heute in zahlreichen Labors weltweit als Basis für optische
Frequenzmessungen. Dieser Wert könnte für die Neudefinition
der SI-Basiseinheit Sekunde dienen, wenn weitere Untersuchungen und
internationale Vergleiche zeigen, dass diese Frequenzmessung genau
genug ist. Die Wissenschaftler arbeiten noch an einer
„winzigen“ Ungenauigkeit der Optischen Uhr: Hätte sie
vom Ursprung des Universums vor 13.7 Milliarden Jahren an gemessen,
würde sie heute um fünf Minuten falsch gehen.
Da Optische Atomuhren die Zeit in hunderttausendmal kleinere Intervalle
teilen als herkömmliche Cäsiumuhren, erwartet man in Zukunft
dramatische Steigerungen der Ganggenauigkeit. Weltweit besteht auch ein
großes Interesse an genaueren Uhren, denn höchstgenaue
Uhrenvergleiche ermöglichen zukünftig, ein weltweites
Telekommunikationsnetz aufzubauen, verbesserte Gravitationspotentiale
aufzustellen mit weitreichenden Auswirkungen für Geodäsie,
Umweltüberwachung oder Prospektion von Bodenschätzen und die
Frage nach der Konstanz der Naturkonstanten zu stellen.
Neudefinition des KilogrammsIn Zusammenhang mit diesen grundlegend neuen Forschungen und der nun
zur Verfügung stehenden präzisen Zeitmessung hat sich auch
die Frage nach einer Neudefinition des Kilogramms erhoben. Das 1889 aus
einer Platin-Legierung hergestellte, heute in einem Tresor nahe Paris
lagernde Urkilogramm verliert aus unerklärlichen Gründen kaum
merklich, aber messbar an Gewicht. Unter Leitung der
Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig wird ein
Weg zur Schaffung eines neuen Standards gesucht, der auf einer
hochgenauen Messung der Avogadrokonstanten beruht.
Diese Konstante gibt die Zahl von Atomen in einem Mol einer Substanz an
und verbindet die mikroskopischen und makroskopischen Größen
eines Siliziumkristalls miteinander. Dazu werden die modernsten
Messmethoden zur Bestimmung der Dichte und der Anzahl der Atome einer
Kugel eingesetzt, die zu 99,99 Prozent aus dem Silizium-Isotop-28 mit
nahezu perfekter Kristallstruktur besteht. Der Durchmesser der Kugel
beträgt 9,36 cm mit einer Radienabweichung von <30 nm. Bei den
zahlreichen aufwendigen Messungen ist immer die korrekte Ausrichtung
der Kugel innerhalb der verwendeten Messgeräte notwendig. Die
Markierung ohne Masseverlust geschieht mit einem Femtosekundenlaser.
Ziel des Projektes ist, eine Messunsicherheit von 10-8 zu erreichen.
Dieses Projekt hat eine Laufzeit von ca. 6 Jahren und wird gemeinsam
von namhaften metrologischen Instituten getragen. Bei erfolgreichem
Verlauf des Projektes könnte die dem Internationale
Einheitensystem SI (Le Système International d'Unités)
zugrundeliegende Maßverkörperung des Kilogramms auf eine
wesentlich präzisere Definition der Masse zurückgeführt
werden. Das SI wurde 1960 von der 11. Generalkonferenz für
Maß und Gewicht (CGPM) geschaffen. Das SI ist die heutige Form
des metrischen Systems, wie es in der ganzen Welt verwendet wird. Zwei
Wege zur hochpräzisen Neudefinition der Einheiten für die
Zeit und der Masse wurden beschritten. Von ihrem Erfolg wird ein
globaler Innovationsschub für fast alle Bereiche der menschlichen
Gesellschaft erwartet.
Prof. Theodor Hänsch vor einem Versuchsaufbau
Quelle: Max-Planck-GesellschaftAvogadro-Kugel aus dem Silizium-Isotop-28, Durchmesser 9.36 cm
Quelle: PTB