Unternehmen A verliert wichtige Kunden, weil es seine Lieferzusagen
nicht einhalten kann. Bei Unternehmen B erweist sich eine teure
Neuentwicklung als Rohrkrepierer. Bei Unternehmen C bricht nach einer
Umorganisation die Produktqualität ein. Wenn in Unternehmen solche
Krisen aufziehen, sind sie hierauf oft nicht ausreichend vorbereitet.
Entsprechend kopflos reagieren sie.
Das Zusammenspiel zwischen Unternehmen und in Unternehmen wird immer
komplexer und somit konfliktträchtiger. Also ist auch immer
häufiger Krisenmanagement gefragt. Doch bevor Krisen gemanagt
werden können, müssen sie verstanden sein.
Autor: Hans-W. Behrendsen
Jeder Mensch kennt gesundheitliche Krisen. Sie bezeichnen einen
Zustand, der zwar häufig plötzlich und ungeplant auftritt,
aber zumeist eine Vorgeschichte hat, in dem wir weitgehend aus dem
Verkehr gezogen sind und nicht mehr so weiter machen können wie
bisher, der uns bedroht und häufig radikale Eingriffe verlangt, in
dem unsere bisherigen Konzepte (Hausmittel) versagen und wir auf Hilfe
von Außen angewiesen sind, der Zeit zum Genesen und häufig
nachhaltige Veränderungen erfordert.
Und wenn Menschen gesundheitliche Krisen nicht bewältigen? Dann
werden sie häufig chronisch krank – und im Extremfall
sterben sie sogar. Und wer muss dafür Sorge tragen, dass diese
Entwicklung nicht eintritt? Der Betroffene selbst. Er muss zum Arzt
gehen, er muss die verschriebenen Medikamente einnehmen und
Therapiekonzepte umsetzen, er muss...
Zumindest Letzteres ist bei Krisen in Unternehmen anders. Hier verteilt
sich die Verantwortung zur Krisenbewältigung auf viele Menschen.
Und das ist bereits ein Teil des Problems. Denn geteilte Verantwortung
ist immer auch versteckte oder schwer zurechenbare Verantwortung.
Was fördert betriebliche Krisen?
Krisen in Unternehmen entstehen häufig dort, wo keiner mit ihnen
rechnet. Sie entstehen aber auch, weil oft die Wechselwirkung
betrieblicher Aktivitäten zu wenig beachtet werden. Einige
Beispiele:
Betriebliche Planung: Jede solide Planung berücksichtigt auch
Risiken. Diese Risiken werden benannt und beim Ausarbeiten und Umsetzen
der Pläne berücksichtigt. Häufig werden sogar eigene
Notfallpläne erstellt, die greifen, wenn ein erwartetes Risiko
eintritt.
Viele Unternehmen betrachten ein solches Vorgehen bereits als
Krisenmanagement. Dies ist jedoch nicht der Fall. Denn gemanagt wird
hier keine Krise, sondern eine erwartete Situation. Das ist prinzipiell
auch gut, denn so kommt es vielfach erst gar nicht zu einer Krise.
Zugleich konzentriert eine solche Planung aber die Aufmerksamkeit nur
auf die erwarteten (geplanten) Risiken. Was zu kurz kommt, ist die
erforderliche Aufmerksamkeit für „ungeplante“ Risiken,
aus denen Krisen erwachsen können. Insoweit leistet der
betriebliche Planungsprozess oft ungewollt einen Beitrag zum Entstehen
von Krisen.
Betriebliche Organisation: Beim Planen der betrieblichen Struktur und
Abläufe und somit der betrieblicher Zusammenarbeit agieren
Unternehmen oft wie öffentliche Grünflächenämter.
Wie gehen diese vor, wenn zum Beispiel ein neues Baugebiet erschlossen
werden soll? Wenn die Bebauung ein bestimmtes Stadium erreicht hat,
wird damit begonnen, Grünflächen anzulegen. In diese
Grünflächen integrieren die Planer Wege, auf denen die
Anwohner gehen sollen. Doch kaum sind die Grünflachen angelegt,
sieht man auf ihnen Trampelpfade. Das sind die Wege, die die Anwohner
gehen wollen – und tatsächlich gehen.
Ähnlich verhält es sich oft in Unternehmen. Auch hier
versuchen die betriebliche Organisationsabteilungen den Mitarbeitern
häufig vorzugeben, wie die Dinge sich ereignen sollen. Und dabei
berücksichtigen sie nicht ausreichend, ob dies zu den
Vorstellungen der Mitarbeiter passt. Die Folge: Soll und Ist passen
nicht zusammen. Konflikte entstehen. Konflikte begünstigen Krisen.
Führungskräfteentwicklung: Künftige Manager studieren
zumeist an Universitäten. Danach wechseln sie als „High
Potentials“ in die betriebliche Welt. Dort sollen sie schnell
Verantwortung übernehmen. Hierfür gibt es spezielle
Förderprogramme. Sie dauern zumeist ein bis zwei Jahre. Danach
übernehmen die „High Potentials“ ihre erste
Managementposition. Und ein, zwei Jahre später wechseln sie auf
die nächste Position. Aufgrund dieser kurzen Verweildauer erfahren
sie oft die mittel- und langfristigen Folgen ihres Handelns nicht mehr
am „eigenen Leib“. Also wird ihnen auch die entsprechende
Lernerfahrung vorenthalten. Ihr Reifeprozess wird sozusagen vorzeitig
beendet. Dies mindert mittelfristig ihre Fähigkeit, Krisen zu
meistern. Denn wer Krisen managen soll, muss ein Gespür dafür
haben, welche Konsequenzen seine Handlungen auslösen.
Krisenmanager benötigen nicht nur Potenzial, sondern auch
Erfahrung.
Führungsverhalten: Manchmal wird im Betriebsalltag wider besseren
Wissens das Falsche getan. Vielen Managern – speziell im unteren
und mittleren Management – fehlt, wenn es darauf ankommt, der Mut
das Richtige zu tun. Und das führt zu betrieblichen Krisen.
Hierfür ein in Unternehmen nahezu alltägliches Beispiel: Ein
Bereichsleiter fordert von einem Abteilungsleiter, dass er den von
seiner Abteilung erzielten Umsatz bei konstanter Mitarbeiterzahl um 30
Prozent steigert. Der Abteilungsleiter weist darauf hin, dass dieses
Ziel unrealistisch ist. Der Bereichsleiter lässt das nicht gelten
– zum Beispiel, weil er von seinen Vorgesetzten eine
ähnliche Vorgabe erhielt. Also unterschreibt der Abteilungsleiter
die Vereinbarung, wohl wissend: Diese Umsatzvorgabe erreichen wir nur,
wenn ich andere wichtige Ziele nicht mehr verfolge; wie zum Beispiel
neue Marktsegmente zu erschließen. Mutig ist ein solches
Verhalten nicht – aber auch nicht klug. Denn so werden mittel-
und langfristig Krisen „produziert“. Fehlender Mut
vermeidet zwar häufig aktuell (offene) Konflikte. Er führt
aber mittelfristig zu Krisen.