Menschen planen vielfach ihre Zeit und haben dennoch keine. Es ist
häufig wie das Laufen im Hamsterrad, je schneller wir uns bewegen,
umso schneller läuft das Rad. Nach mehr als zwanzig Jahren der
„Ära Zeitmanagement“ ist es an der Zeit, inne zu
halten und sich zu fragen: Gibt es einen Fehler im System
„Zeitmanagement“? Ist das Thema „Zeit“
überhaupt beherrschbar? Sind wir als Menschen in der Lage, unsere
Zeit zu managen? Oder führt Zeitmanagement, so wie es bisher
betrieben wurde, nur zu noch mehr Stress und Hektik in unserem Alltag?
Bei der rückwärtigen Betrachtung des Tages fragen wir uns am
Abend oft „Wo ist denn wieder die Zeit geblieben?“.
Vielleicht liegt es daran, dass Planung meistens auf das klassische
Zeitmanagement beschränkt bleibt. Die Erfahrung jedoch zeigt, dass
dies für ein erfülltes und glückliches Leben nicht
ausreicht. Planung ist nicht falsch, nur unvollständig. Das Leben
ist ein unteilbares Ganzes und besteht zum einen aus Planung und
Zeitmanagementtechnik und zum anderen aus einer grundsätzlichen
Haltung zur Gelassenheit. Erst wenn wir beide Bereiche in guter Balance
vereinen, beherrschen wir die Kunst der Lebensführung.
Methodenkompetenz plus Gelassenheit
Zwei Dimensionen spielen hier eine entscheidende Rolle:
Lebensführung und Zeitmanagement. Damit sind Menschen fähig,
organisatorisch ihre Zeit zu planen, so dass sie nicht nur eine
positive Einstellung und eine gelassene Grundhaltung haben, sondern
auch organisatorisch den Anforderungen ihres beruflichen und privaten
Alltages gewachsen sind.
Wenn unsere Fähigkeiten allgemein und unser Charakter positiv
sind, es uns aber an Methodenkompetenz und Zeitmanagement mangelt,
mögen wir zunächst optimistisch sein, schwierige Aufgaben und
Rückschläge im beruflichen oder privaten Alltag zu
bewältigen. Aber mit der Zeit wird es um unsere Gelassenheit
geschehen sein, nämlich wenn die Probleme sich auftürmen und
wir in Zeitnot geraten. Manche leben dann noch eine „gestresste
Lebensfreude“, für andere bedeutet es Rückzug und
Nachlassen des Eifers, man gibt unter Umständen ganz auf und wird
zum „Aussteiger“.
Wer aber, bei beruflicher Unzufriedenheit und pessimistischer
Einstellung, ein gutes Zeitmanagement aufrecht erhält, betreibt
„organisierte Frustration“, wie ich es nennen möchte.
Es fehlen Lebensenergie und Lebensfreude. Erfolg und Geld allein machen
nicht glücklich. Gute Organisation mag behilflich sein, die
Routine des Alltags zu bewältigen, aber in schwierigen und
unverhofften Situationen des Lebens (Krankheit, Unfälle, Tod)
trägt sie nicht. Eine feste Lebens-Grundeinstellung und eine
Lebensführung in Balance müssen hinzutreten und unser
Zeitmanagement ergänzen und vertiefen.
Wenn beide Elemente, also eine bedachte Gelassenheit in der
Lebensführung und die Organisation im Zeitmanagement fehlen,
gerät der Mensch vollends in Not. Sein Zustand ist eine gewisse
Hilflosigkeit gepaart mit Unzufriedenheit. Hier ist es unabdingbar,
beide Dimensionen zu entwickeln, um so Schritt für Schritt zu
Zeitsouveränität und Lebensbalance zu gelangen. Wie dies
gelingen kann, möchte ich an den folgenden drei Grundsätzen
aufzeigen.
- Grundsatz: Wertigkeit unserer Zeit
Die
durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt derzeit bei
knapp 80 Jahren, sie stieg in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich
an. Diese Entwicklung scheint sich fortzusetzen, so dass
zukünftige Generationen 90 und häufig auch 100 Jahre alt
werden können. Selbst wenn dem so sein sollte, so darf dieser
Umstand nicht darüber hinweg täuschen, dass unser Leben
endlich ist. Immer, wenn wir uns mit der Endlichkeit unserer eigenen
Existenz beschäftigen, wird die Frage nach der Bedeutung unserer
Zeit umso wichtiger. Im Gegensatz zu Geld lässt sich Zeit weder
vermehren noch ansparen. Ein Zitat von Jean de la Bruyere besagt:
„Der den schlechtesten Gebrauch von seiner Zeit macht, jammert am
meisten, dass sie so knapp ist.“ Viele Untersuchungen belegen,
dass Wohlstand und Hektik ebenso wenig glücklich machen, wie Armut
und viel Zeit. In unserem Land herrschen im Allgemeinen finanzieller
Wohlstand und zeitliche Armut. Das erstrebenswerte Ziel ist, eine
Balance zu finden zwischen genügend finanziellen Ressourcen, um
ein angenehmes Leben führen zu können, aber auch die Zeit
dafür zu haben, dieses genießen zu können.
- Grundsatz: Klare und sinnvolle Ziele
Neben
der Wertigkeit ist es wichtig, für klare und sinnvolle Ziele zu
sorgen, da dadurch das Wesentliche in unserem Leben definiert wird. Der
Philosoph Seneca brachte dies vor 2000 Jahren bereits auf den Punkt,
als er sagte: „Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will,
für den ist kein Wind ein günstiger.“ An dieser Stelle
empfehle ich Ihnen, sich neun Dokumente anzulegen. Drei Dokumente
für den persönlichen Bereich, aufgeteilt in
„Persönliche Vision/Leitbild“,
„Persönlicher Periodenplan“ (Siebenjahres-Planung)
sowie „Persönliche Jahreszielplanung“. Drei
gleichgeartete Dokumente empfehle ich Ihnen für Ihre Familie und
drei weitere für Ihren Beruf/Ihr Unternehmen.
- Grundsatz: Disziplin
Bei
der Ausprägung einer persönlichen Willensstärke handelt
es sich um eine Tugend, die auf der zweiten Kardinaltugend (Tapferkeit)
beruht. Dies setzt ein Weltbild des freien und selbstverantwortlichen
Menschen voraus, der mit seinem Willen nicht alles steuern kann, aber
einen großen Einfluss auf sein Leben ausübt. Nicht umsonst
verwendet die asiatische Kultur sehr viel Energie auf die Ausbildung
von Disziplin, Einfachheit, Bescheidenheit und Selbstbeschränkung,
weil die jahrtausend alte Erfahrung zeigt, dass diese Form des
Maßhaltens, welche auch der dritten Kardinaltugend (Besonnenheit)
entspricht, wichtig für die eigenverantwortliche Weiterentwicklung
in unserem Leben ist. Disziplin ist also der Sieg des Willens über
den Trieb. Der Wille als Ausdruck unserer seelischen und geistigen
Dimension als Lebewesen, der Trieb als Ausdruck unserer
körperlichen Wünsche und Emotionen. Wenn beides
übereinstimmt, leben wir in Einklang zwischen unserem Willen und
unseren Wünschen.
Annemarie Pieper schreibt in ihrem Buch „Glückssache“:
„Gelassenheit ist eine Tugend, die Hitzköpfe
mäßigt, die Trostlose vertrauensvoll in die Zukunft blicken
lässt, die Ungeduldigen zügelt, die Enttäuschten
aufmuntert und die Aggressiven entschärft“. Wir können
uns ja einmal selbst fragen, wie sehr wir mit verschiedenen Dingen des
Lebens „gelassen“ umgehen. Die alten Griechen hatten den
Gott Chronos, der für die kontinuierlich ablaufende Zeit steht und
den Gott Chairos, der für die „günstige Zeit“
steht und der immer wieder daran erinnert, dass alles seine
günstige Zeit hat und Geduld eine Tugend ist. In der Natur kann
man wunderbar beobachten, wie Pflanzen und natürliche Systeme ihre
Zeit brauchen, um zu wachsen und zu reifen. Für unser Leben
heißt dies, dass wir manches Mal langsamer werden müssen, um
schneller zu sein. Machen Sie daher öfter eine Pause, wählen
Sie auch in und wieder einen Umweg und denken Sie immer daran, dass
Balance Zeit braucht.
Autor
Dr. Dr. Cay von Fournier
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